Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) und Gesundheitsanwendungen: Patienten, Industrie, Kassen und Ärzte im Wandel

Digitale-Versorgung-Gesetz und digitale Gesundheitsanwendungen

Das Digitale-Versorgung-Gesetz (kurz DVG) hat das Ziel, Deutschland in den Bereichen Gesundheit und Medizin für die kommenden Jahrzehnte fit zu machen. Es soll die Akteure der Gesundheitsversorgung auf ein neues Level bringen. Apotheken, Krankenhäuser und Arztpraxen sind nur ein Auszug der Einrichtungen, die die Auswirkungen des Digitale-Versorgung-Gesetz von Anfang an betreffen wird. Für uns bedeutet dies, dass sich ab diesem Jahr Chancen, Herausforderungen und neue Perspektiven eröffnen. Doch auch Fragen und Unklarheiten gibt es natürlich zu Hauf, ganz klar und absolut normal. Schließlich entwickelt sich alles Step-by-Step und kann nicht von Anfang an zu 100% funktionieren. Doch wenn Sie mich fragen, so ist es der absolut richtige Schritt, den Jens Spahn geht. Im Folgenden gebe ich eine kurze Zusammenfassung über die Fortschritte, welche Bereiche Auswirkungen spüren und wie wir am Ende alle davon profitieren können. 

Was bedeutet Digitale-Versorgung-Gesetz? Lassen Sie mich damit beginnen. Vereinfacht gesagt ist es ein Gesetz, dass eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation bewirken soll. Die Bundesregierung möchte den Digitalisierungsprozess im deutschen Gesundheitswesen weiter vorantreiben. Hierzu lassen sich im Gesetz drei Schwerpunkte ausmachen, die die digitalen Innovationen im Gesundheitswesen fördern und die Vernetzung der Akteure voranbringen.

Schwerpunkt 1 – Erweiterung der Telematikinfrastruktur (TI):

Wir alle kennen es. Bei Beschwerden gehen wir zum Arzt. Haben wir einen Hautausschlag oder benötigen wir ein Rezept, so gehen wir zu unserem (Fach)Arzt und lassen uns vor Ort untersuchen. Mit dem gestellten Befund und ggf. einem Rezept können wir anschließend in die Apotheke gehen und erhalten das (verschreibungspflichtige) Medikamente. Durch die Erweiterung der Telematikinfrastruktur wird sich dies ändern. Natürlich können wir, wie gewohnt, zum Arzt gehen und uns vor Ort untersuchen lassen. Zusätzlich ist es in Zukunft aber auch möglich, dass wir eine Videosprechstunde mit unserem Arzt vereinbaren und zum Beispiel via Videochat miteinander sprechen. Wird ein Befund gestellt, so muss das Rezept auch nicht mehr beim Arzt abgeholt werden. Durch die Telematikinfrastruktur wird es möglich sein, dass wir digitale Rezepte, das sogenannte E-Rezept, digital übermittelt bekommen können und es mit Hilfe unseres Smartphones / Tablets / Computers in einer Apotheke einlösen können. Die Apotheke kann dabei sowohl vor Ort sein oder Sie entscheiden sich für eine Online-Apotheke, die Ihr E-Rezept entgegennimmt und Ihnen das benötigte Arzneimittel zustellt. 

Die Erweiterung der Telematikinfrastruktur wird für Arztpraxen und Apotheken gelten, aber auch für Krankenhäuser. Sie alle müssen sich an die TI anschließen lassen:

  • Arztpraxen sollen bis März 2020 einen Anschluss an die TI erhalten haben
  • Apotheken haben bis zum 01.09.2020 Zeit, sich an die TI anzuschließen
  • Krankenhäuser müssen sich bis zum 01.01.2021 angeschlossen haben

Weigern sich Ärzte einen Anschluss an die Telematikinfrastruktur in ihrer Praxis zu gewährleisten, so hat der Gesetzgeber auch hierfür eine Lösung geschaffen: es drohen Honorarkürzungen von ungefähr 2,5%. Hebammen, Physiotherapeuten, Pflege- und Rehabilitationseinrichtungen können sich freiwillig an die TI anschließen lassen – die Kosten werden erstattet. Möchten Sie sich tiefgründiger über die Telematikinfrastruktur informieren, so empfehle ich Ihnen den hier aufgeführten Link. 


Schwerpunkt 2 – Erstattung digitaler Gesundheitsanwendungen

Bisher haben Krankenkassen den Aufenthalt im Krankenhaus, Medikamente, Rehabilitationen, Hilfsmittel und mehr erstattet. In Zukunft erweitert sich das Feld der Erstattungen um digitale Anwendungen. Sie können von einem Arzt also nicht mehr nur ein Medikament verschieben bekommen, sondern auch eine App oder eine andere Anwendung, die Sie auf Ihrem digitalen Endgerät installieren. Es gibt Studien, die bereits zeigen, dass sich der Einsatz von digitalen Anwendungen positiv auf Ihre Therapie, also positiv auf Ihre Genesung auswirken kann. Und genau hierum geht es bei der Erstattung digitaler Gesundheitsanwendungen. Patienten sollen von den Möglichkeiten profitieren.

Wann genau eine digitale Gesundheitsanwendung von der Krankenkasse erstattet wird und wann sie ein Arzt verschreiben kann, das ist noch nicht so ganz klar. Die digitale Gesundheitsanwendung wird im ersten Jahr komplett von der Krankenkasse erstattet werden können. Während dieses Zeitraums müssen Studien nachweisen (einzureichen beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, kurz BfArM), dass sich mit Hilfe der Anwendung Therapieerfolge erzielen lassen. Anschließend werden die Entwickler mit dem GKV-Spitzenverband aushandeln, in welcher Höhe die Erstattung in Zukunft erfolgen wird.

Und noch ein interessanter Aspekt: wie werden die Anwendungen in Zukunft beim Arzt vorgestellt und woher soll der Arzt wissen, was es an Anwendungen auf dem Markt gibt?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es daher Außendienste geben, die die digitalen Anwendungen bei Ärzten vorstellen. Außendienst-Mitarbeiter werden also nicht mehr über Arzneimittel sprechen, sondern sich auch um Termine schlagen, um die Vorteile einer App gegenüber dem Arzt zu kommunizieren. Ring frei!


Schwerpunkt 3 – Die elektronischen Patientenakte (ePA)

Die elektronische Patientenakte kann meiner Meinung nach relativ einfach erklärt werden. Befunde, Diagnosestellungen, Röntgenaufnahmen usw. lassen sich in einer Datei speichern, die Ihnen zur Verfügung steht und in die Sie Einblick haben. Krankenkassen müssen ihren Versicherten dazu spätestens ab dem 01. Januar 2020 eine Möglichkeit anbieten. Als Patient habe ich dann darauf Anspruch, dass mein Arzt (in der Praxis oder im Krankenhaus) die Daten auch in die ePA einträgt. Für den „Aufwand“ erhält der Arzt anschließend eine Vergütung.

Sicher gibt es noch weitere Maßnahmen (Schaffung eines Forschungsdatenzentrums, Fortführung des Innovationsfonds und mehr), die durch das Digitale-Versorgung-Gesetz geschaffen werden. So werden letztlich auch Verwaltungsprozesse einfacher. Und nachdem das elektronische Rezept im ersten Schritt nur in Apotheken eingelöst werden kann, wird dies hoffentlich zeitnah auch in Sanitätshäusern bzw. im Bereich der elektronische Heil- und Hilfsmittelverordnung möglich sein.


Außen hui – und Innen?

Die Möglichkeiten, die sich für alle Akteure durch das Digitale-Versorgung-Gesetz ergeben, scheinen enorm. Es ist der richtige Schritt. Ein Schritt, der nun zum Glück endlich gegangen wird. Viele Unklarheiten werden die nächsten Monate immer und immer wieder aufkommen. Bei Krankenkassen, bei Ärzten, in Kliniken und natürlich auch bei Patienten. Mit der Zeit werden wir lernen, das System mehr und mehr zu verstehen und entsprechend auch die Vorteile für uns zu nutzen, die sich durch das Gesetz ergeben. Ob der Datenschutz durch die Telematikinfrastruktur jederzeit gewährleistet sein wird, auch dies werden wir sehen. Aber bedenken Sie beim Thema Datenschutz auch: gehe ich heute in eine Arztpraxis und werde in das Behandlungszimmer gerufen, so sehe ich hier noch die ausgedruckte Patientenakte des zuvor behandelten Patienten mit Name, Geburtsdatum, Versicherung, Einstellung der Medikation usw. Es gibt also immer Optimierungsbedarf – jederzeit, egal ob digital und analog. 

Ich begrüße das Digitale-Versorgung-Gesetz und freue mich als Patient davon zu profitieren. Gleichzeitig frage ich mich aber auch, wie sich dies auf die Krankenkassenbeiträge auswirken wird. Werden Sie die noch weiter steigen? Erst jetzt, vor wenigen Wochen, haben die meisten Krankenversicherungen Ihre Beiträge erhöht. Doch am Ende muss irgendjemand letztlich die digitale Anwendung bezahlen, die nun auch verschrieben werden kann. Hier wird es sehr spannend. Krankenkassen haben bereits signalisiert, dass das Thema nicht leicht abzuhandeln ist und dass es hier sicher noch einige Drehungen und Wendungen geben kann.

Herzliche Grüße aus Bonn, erfolgreiche Überlegungen und einen guten Start ins Wochenende,
Ihr
Denis Wolff


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